Notgeld der Stadt Gunzenhausen - 500 Milliarden Mark
Notgeld der Stadt Gunzenhausen - 50 Milliarden Mark
Johann Reichardt - Heilpraktiker und Goldmacher | © Stadtarchiv-Gunzenhausen
Notgeld der Stadt Gunzenhausen - 500 Milliarden Mark

Wie Man(n) zum berühmten Sohn Gunzenhausens wird – Simon Marius

von Melanie Proske

Dieser Beitrag ist einer Person gewidmet, die im nächsten Jahr ihren 450. Geburtstag hat und zwar Simon Marius.
Als er am 10. Januar 1573 als siebtes und letztes Kind eines Büttnerehepaars zur Welt kam, lautete sein Familienname noch ‚Mayer‘. Damals wie heute der häufigste in Deutschland. Wie viele andere Gelehrte jener Zeit latinisierte er ihn später in ‚Marius‘, was sich natürlich chicer anhörte.
Seine Familie zählte zur gesellschaftlichen Oberschicht Gunzenhausens. Sowohl Großvater wie Vater saßen im städtischen Rat, bekleideten dort wichtige Ämter und waren u.a. Bürgermeister. Auch die Geschwister von Simon machten Karriere. Die Schwestern heirateten angesehene Bürger und Ratsmitglieder, die Brüder findet man als Schulmeister in Creglingen, Pfarrer in Gräfensteinberg und Pfofeld oder als Rektor in Solnhofen bzw. Kaplan in Feuchtwangen.

Einziges Porträt von Simon Marius in seinem Hauptwerk 'Mundus Iovialis' 1614
Einziges Porträt von Simon Marius in seinem Hauptwerk 'Mundus Iovialis' 1614

Über die Kindheit von Simon Mayer/Marius im elterlichen Wohnhaus am Hafnermarkt ist wenig bekannt. Er besuchte die örtliche Lateinschule -heute würde man Gymnasium dazu sagen- und wurde dort von Georg Vogtherr unterrichtet, der als Okkultist und Liebhaber der Astronomie galt. Hier dürfen wir mit Sicherheit den Ausgangspunkt für die große Sternenleidenschaft sehen, die Simon Marius erfasste und zu seinen berühmten Studien führte.
Die Schüler der Lateinschule mussten regelmäßig bei sonntäglichen Gottesdiensten in der Stadtkirche singen. Dort soll ihn, so erzählt es die Legende, Markgraf Georg Friedrich von Brandenburg-Ansbach gehört haben, der von seiner schönen Singstimme fasziniert war.
Im Alter von 13 Jahren wechselte Marius auf die Heilsbronner Fürstenschule, der Kaderschmiede im Fürstentum, wo er bis 1601 blieb. Dort wurden Nachwuchskräfte für den Kirchen-, Schul- oder Beamtendienst ausgebildet.
Bereits aus dieser Zeit findet sich in der Säckelmeisterrechnung von 1596/1597 dieser Eintrag: 2 Gulden an Simon Mairen verehret wegen übergebung deß beschriebenen cometen auf befeht des vogts und etlich deß rathes. Diese finanzielle Anerkennung durch den Gunzenhäuser Rat steht in unmittelbarem Zusammenhang mit einer wissenschaftlichen Beobachtung Marius‘. Bedauerlicherweise hat sich die übereignete Druckschrift der Kometenbeschreibung nicht in den städtischen Sammlungen erhalten.


Postkarte aus den 1890er Jahren mit Stadtansicht und Simon Marius
Postkarte aus den 1890er Jahren mit Stadtansicht und Simon Marius

In einer Rechnung von 1606 heißt es in der Rubrik ‚Außgeben uff Zehrung‘, also dem kommunalen Repräsentationsfond: 8 Gulden bey Georg Bauer ein ganzer Ehrbarer Rath verzehrt, alß man Herrn Simon Maiern zu Gast gehabt.

Im besten Gasthaus der Stadt veranstaltete man also ein Festmahl, an dem Simon Marius, nun schon mit dem Ehrentitel ‚Herr‘ bezeichnet, teilnahm. Offensichtlich war es dem Gelehrten wichtig, seiner Heimatstadt im Jahr seiner Ernennung zum markgräflich-ansbachischen Hofastronom und -mathematicus einen Besuch abzustatten.

Sechs Jahre später war Marius bereits so angesehen, dass er als Ratsgeschenk einen Silberbecher im Wert von 6 Gulden (ca. 240 €) erhielt, den ein örtlicher Goldschmied anfertigte. Möglicherweise war der Anlass, dass er als erster Mensch der Neuzeit den Andromedanebel per Fernrohr beobachtete bzw. die von ihm publizierte Übersetzung der Bücher des Mathematikers Euklid aus dem griechischen Urtext. Unwahrscheinlich ist hier die städtische Anerkennung für seine Entdeckung der Jupitermonde von 1610 zu vermuten, die Marius erst mit seinem Hauptwerk ‚Mundus Iovialis‘ 1614 dem Publikum vorstellte.

Mit der zeitgleichen Entdeckung von Io, Europa, Ganymed und Kallisto als die vier größten Jupitermonde stand Simon Marius in unmittelbarer Konkurrenz zum italienischen Gelehrten Galileo Galilei. Das schmälerte zwar anfangs den Ruhm des fränkischen Astronomen etwas und kratzte sicherlich auch an seiner Berufsehre, jedoch auf Dauer genoss er eine enorme Reputation.

Die letzte zeitgenössische, lokalhistorische Notiz stammt von 1618 und ist eine finanzielle Zuwendung von 5 Gulden 1 Ort 3 Pfennig für Herrn Simon Mairn zu Onoltzbach (= Ansbach). Eventuell hat der Gunzenhäuser Rat damit die Drucklegung eines weiteren wissenschaftlichen Werkes, der ‚Astronomischen und Astrologischen Beschreibung dess Cometen so im November und December des 1618. Jahrs ist gesehen worden‘ unterstützt.


Bis zum Tode Simon Marius‘ am 5. Januar 1625 in Ansbach gibt es keine weiteren schriftlichen Hinweise, die Rückschlüsse auf seine Beziehungen zur Geburtsstadt Gunzenhausen liefern.
Schon frühzeitig findet man ihn als prominente Person in Publikationen, wie z.B. in der 1761 veröffentlichten Landesbeschreibung des Fürstentums Brandenburg-Ansbach, die ihn als ‚vorzüglich berühmten Mathematicus‘ und als Entdecker der ‚Brandenburgischen Gestirne‘ hervorhebt. Auch in der 1899 erschienenen ‚Geschichte der Stadt Gunzenhausen‘ findet man ihn im Kapitel ‚Berühmte Männer‘.
Ende des 19. Jahrhunderts beschloss der Stadtmagistrat, die bis dahin praktizierte und verwirrende Häusernummerierung, durch Straßennamen zu ersetzen. Lediglich drei Männern aus der Kommunalgeschichte gestand man diese Ehre zu und ein Bereich am Hafnermarkt erhielt die Bezeichnung ‚Mariusstraße‘. 1969 verlieh das bayerische Kultusministerium der neuerbauten Oberrealschule die Bezeichnung ‚Simon-Marius-Gymnasium‘, das passenderweise über eine eigene Sternwarte verfügt. Seit 1987 trägt auch die nahe gelegene Straße seinen Namen.
Ein ganz besonderes Highlight ereignete sich 1995, als eines der wenigen noch erhaltenen Originale des ‚Mundus Iovialis‘, dem Hauptwerk von Simon Marius, durch ein Berliner Antiquariat zum Verkauf stand, durch die örtliche Sparkasse erworben und als Geschenk der Sammlung des Stadtarchivs übergeben wurde.

Titelseite 'Mundus Iovialis' 1614
Titelseite 'Mundus Iovialis' 1614

‚Mensch Mayer‘ wird gerne als Ausdruck persönlicher Anerkennung oder spontanen Erstaunens verwendet. In Anlehnung an seinen eigentlichen Familiennamen ‚Mayer‘ ist wohl dieser Ausspruch für unseren Simon Marius mehr als gerechtfertigt. Aufgrund seiner vielfältigen wissenschaftlichen Verdienste ist er ohne Zweifel als ‚berühmter Sohn‘ Gunzenhausens zu bezeichnen.

Werner Mühlhäußer

 

 

Zurück