Foto: Marktplatz
Johann Reichardt - Heilpraktiker und Goldmacher | © Stadtarchiv-Gunzenhausen
Johann Reichardt - Heilpraktiker und Goldmacher | © Stadtarchiv-Gunzenhausen
Markgraf Carl Wilhelm Friedrich von Brandenburg Ansbach | Quelle: Stadtarchiv Gunzenhausen

Gunzenhäuser Notgeldzeiten und was das Stadtjubiläum damit zu tun hat

von Manuel Grosser

In der Vergangenheit war es bereits häufiger soweit, dass in Inflations- oder Kriegszeiten auf sog. Notgeld zurückgegriffen werden musste. In einer Mangelsituation, sei es in substantieller Not, in der Folge von Belagerungszuständen oder wenn Geldnoten und Münzen knapp werden, schwindet das Vertrauen von Bürgerinnen und Bürgern in die gesetzlichen Zahlungsmittel. Kommunen produzierten daraufhin immer wieder regional begrenztes Geld, so auch in der Stadt Gunzenhausen in den Jahren von 1917 bis 1924.

Das Deutsche Reich war schwer vom Ersten Weltkrieg gezeichnet. Die Stimmung war niedergeschlagen, es herrschte Arbeitslosigkeit, Hunger und Rohstoffmangel. Letzterer führte dazu, dass Münzen knapp wurden und Banken sowie Innungen Notgeld ausgaben. In Gunzenhausen waren seit 1917 größere Mengen Nothartgeld im Umlauf, und zwar deutlich mehr als hunderttausend 5, 10, 20 und 50 Pfennigmünzen. Von der Größe her glichen die Geldstücke den damals gewöhnlichen deutschen Nickelmünzen, allerdings befand sich auf der Rückseite nur das Stadtwappen und die Inschrift „STADT GUNZENHAUSEN“. Auf der Vorderseite stand das Prägejahr 1917, der Wert der Münze und die Bezeichnung „Kleingeld-Ersatz“.


Die Gunzenhäuser Münzen wurden von der Bevölkerung gut angenommen, allerdings beschleunigte das Ende des Ersten Weltkriegs die Geldentwertung, was rapide und plötzliche Preissteigerungen mit sich brachte. Bereits 1922 sollte weiteres Notgeld ausgegeben werden, das Bayerische Staatsministerium des Innern wies den Wunsch der Stadtoberhäupter allerdings zurück. Doch ausreichend waren die vorhandenen staatlichen Zahlungsmittel längst nicht mehr, so dass Gunzenhausen das Gesuch ein Jahr später erneuerte, am Ende Recht bekam und am 28. August 1923 zur Stabilisierung der Finanz- und Versorgungssituation Notgeldscheine einführte.

 

Die Gunzenhäuser Notgeldscheine waren nur einseitig bedruckt, auf weißem Papier und ohne Wasserzeichen. Nur die Hunderttausend Mark-Note war mit einer schmalen Rahmenzierleiste geschmückt, die restlichen Geldnoten besaßen nur ein Fußband, Stempel, den Stadtnamen und die Unterschrift des Ersten Bürgermeisters. Der Notgeldwert war doppelt aufgeführt und als Datum der 28. August 1923 aufgedruckt. Als Bildnisse fanden sich Blasturm und eine Stadtansicht in verschiedenen Farben, je nach Wert des Scheins.


Die letzten von der Stadt Gunzenhausen ausgegebenen Geldscheine trugen den 10. November 1923 als Datum. Das Ende des Gunzenhäuser Notgelds war da schon beschlossen, denn vom Reichsfinanzministerium wurden zeitgleich große Anstrengungen unternommen, die Reichsmark im gesamten Reichsgebiet zu stabilisieren. Die letzten Zahlungsmittel mussten von der Bevölkerung infolgedessen bis spätestens 21. Januar 1924 bei der Stadtkasse eingelöst werden.  


Sehr eindrücklich lässt sich die rasante Geldentwertung am Beispiel eines einzelnen Produkts, hier der Gunzenhäuser Tageszeitung „Altmühl-Boten“ zeigen:

 

21. August 1923

2.000 Mark

27. August 1923

5.000 Mark

1. September 1923

25.000 Mark

14. September 1923

30.000 Mark

18. September 1923

50.000 Mark

22. September 1923

150.000 Mark

4. Oktober 1923

600.000 Mark

12. Oktober 1923

1 Million Mark

15. Oktober 1923

2 Millionen Mark

17. Oktober 1923

3 Millionen Mark

24. Oktober 1923

15 Millionen Mark

2. November 1923

400 Millionen Mark

8. November 1923

500 Millionen Mark

9. November 1923

2 Milliarden Mark

15. November 1923

5 Milliarden Mark

21. November 1923

25 Milliarden Mark

 

Ein Pfund Schwarzbrot kostete in Gunzenhausen am 17. August 1923 8.500 Mark, am 27. August 1923 30.000 Mark und am 14. September 1923 700.000 Mark.

 


Das Gunzenhäuser Stadtjubiläum zum 1100jährigen Bestehen wurde nicht wie beabsichtigt 1923, sondern erst ein Jahr später, im Juli 1924 gefeiert. Versucht man Gründe für diese Verschiebung zu finden, stößt man unweigerlich auf die schwierige Situation Gunzenhausens in dieser Zeit. Wie dargestellt, war das Deutsche Reich schwer vom Ersten Weltkrieg gezeichnet. Die Jahrhundert-Inflation, befeuert auch von den hohen Reparationsleistungen, führte zu Einschränkungen und Missständen. Zwar wurde noch in der Pfingsten 1923 herausgegebenen Alt-Gunzenhausen „Festschrift zum elfhundertsten Jubiläum Gunzenhausens“ davon ausgegangen, dass „im laufenden Jahr 1923 mit Fug und Recht gefeiert werden kann“, die Geschichte belehrt uns allerdings eines Besseren. So verweist Dr. Robert Maurer in seinem 1944 in Alt-Gunzenhausen veröffentlichten Text „Gunzenhausens Notgeld“ auf die Schwierigkeiten und erkennt, dass deswegen erst „in den denkwürdigen, herrlichen Julitagen des Jahres 1924 gefeiert wurde“.


Zwar treibt die Bevölkerung auch 2022 wieder eine Furcht vor einer größeren Geldentwertung um, das Planungs- und Vorbereitungsteam für die 1200-Jahrfeier ist allerdings mehr als zuversichtlich, dass die Feierlichkeiten 2023 im angemessenen Rahmen stattfinden können. 


Foto: In der Vergangenheit war es bereits häufiger soweit, dass in Inflations- oder Kriegszeiten auf sog. Notgeld zurückgegriffen werden musste.

In der Vergangenheit war es bereits häufiger soweit, dass in Inflations- oder Kriegszeiten auf sog. Notgeld zurückgegriffen werden musste.


Zurück