Notgeld der Stadt Gunzenhausen - 20 Millionen Mark
Aquarell: Blick von Norden auf Gunzenhausen
Foto: Marktplatz
Aquarell: Blick von Norden auf Gunzenhausen

Ein Gunzenhäuser Abend voller Geschichte und Literatur

von Manuel Grosser

Bild Stadtarchivar Werner Mühlhäußer

Er ist und bleibt ein Mysterium, dieser geheimnisvolle Jerome David Salinger. Nach seinem literarischen Welterfolg „Der Fänger im Roggen“ hat sich der US-Amerikaner nach und nach aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Seine selbst gewählte Isolation ist Stoff von Legenden, die Gründe sind weitgehend unbekannt. Mittlerweile ist seine Stimme endgültig verstummt, denn Salinger starb 2010. Unzählige Fragen an den Autoren J.D.Salinger, aber auch an den Menschen dahinter, bleiben bis heute ohne Antwort, beispielsweise, was er als Special Investigator von 1945 bis 1946 in Gunzenhausen erlebte und tat. Auch die oftmals diskutierte Vermutung, dass er bereits in der Altmühlstadt am „Fänger im Roggen“ arbeitete, lässt sich bis heute weder widerlegen noch beweisen. Mehrere Kurzgeschichten mit Bezug zum Buch erschienen bereits vor dem Zweiten Weltkrieg, eine Beschäftigung während der Besatzungszeit scheint dementsprechend zumindest möglich.

 

Letzten Freitag haben sich der Historiker Werner Mühlhäußer, Literaturwissenschaftler Manuel Grosser und Rechtsanwalt Holger Johannes Pütz-von Fabeck auf eine kleine Spurensuche begeben und am ehemaligen Arbeits- und Wohnort des Literaten von dessen Leben und Werk erzählt. Die interessante Veranstaltung fand im Rahmen der Jubiläumsfeierlichkeiten zum 1200sten Geburtstag Gunzenhausens statt.

 

Ohne den Nationalsozialismus wären sich J.D.Salinger und die Stadt Gunzenhausen wohl nie begegnet. Am 23. April 1945 besetzen amerikanische Truppen die Altmühlstadt, kurze Zeit danach tritt der Autor als Geheimdienstagent erstmals in Erscheinung und bezieht die ehemalige „Villa Schmidt“ in der Rot-Kreuz-Straße. Dort wird er nicht nur wohnen, sondern auch arbeiten, u.a. Übersetzungsarbeiten leisten und an Vernehmungen teilnehmen. Heute befinden sich am selben Ort die Räumlichkeiten der Gunzenhäuser Kanzlei meyerhuber, in deren „Kastaniengarten“ die abendliche Spurensuche stattfand. Stadtarchivar Werner Mühlhäußer ging daher einen steinigen Weg und arbeitete die unrühmliche Nazivergangenheit Gunzenhausens anschaulich auf. Daneben wagte er aber auch einen spannenden Blick auf die Zeit der Alliierten in Gunzenhausen bis hin zu J.D.Salingers verbürgte Spuren in der Altmühlstadt. So zitierte er beispielsweise aus einem Arbeitszeugnis, das Salinger einer jungen deutschen Angestellten namens Hedwig Kugler ausstellte. „Fräulein Kugler ist fleißig und tüchtig, ihre Ehrlichkeit und Treue steht außer Frage.“ Über seine literarischen Ambitionen auf Gunzenhäuser Boden ist allerdings nichts bekannt. Das Fazit des Historikers fiel dann auch eher ernüchternd aus: Beweise, dass Salinger bereits in Gunzenhausen am „Fänger im Roggen“ arbeitete, finden sich keine.

 

Manuel Grosser beschäftigte sich in der Folge intensiv mit dem Inhalt des Romans. Das Buch erschien Anfang der 1950er-Jahre und gilt als Archetyp moderner, amerikanischer Jugendliteratur. Das Buch um den jugendlichen Protagonisten Holden Caulfield wurde bereits kurz nach seiner Veröffentlichung zum Kult, ja ein gemeinschaftsbildendes Instrument einer sich missverstanden fühlenden und enttäuschten jungen Generation. Grosser arbeitete sich diskursanalytisch zum Kern des Romans vor und enttarnte ein machtvolles System der Zwänge. Holden scheitert am Ende, damit die Gesellschaft in gewohnter Form weiter existieren kann.

 

Zur Unterstützung der Thesen las Rechtsanwalt Holger Johannes Pütz-von Fabeck ausgewählte Passagen aus dem „Fänger im Roggen“ vor. Mit sonorer Stimme hauchte er dem flatterhaften Holden Caulfield Leben ein, die Zuhörerinnen und Zuhörer wurden zum Teil seiner Orientierungslosigkeit und entdeckten auf diese Weise zahlreiche Ungereimtheiten einer pubertären Sinnsuche.

 

Begleitet wurden die drei Redner von einer stimmungsvollen Lichtinstallation. War der Kastaniengarten anfangs noch in „rot“ getaucht, ein Verweis auf die Zeit des Nationalsozialismus, wechselten die Farben später zum befreienden „blau“ und freiheitsliebenden „weiß“. Während Mühlhäußers Vortrag wurden zudem zahlreiche zeitgenössische Dokumente und Bilder gezeigt, darunter die Einweihung des Hitlerdenkmals, Luftbilder von den Bombenangriffen oder amerikanische Soldaten in Gunzenhausen.

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