Notgeld der Stadt Gunzenhausen - 500 Milliarden Mark
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Notgeld der Stadt Gunzenhausen - 50 Milliarden Mark
Notgeld der Stadt Gunzenhausen - 500 Milliarden Mark

Die jüdische Unternehmerfamilie Bing aus Gunzenhausen

von Melanie Proske

Aufnahmegesuch von Salomon Bing aus dem Jahr 1853 mit seiner Unterschrift

Salomon Bernhard Bing, Hopfenhändler in Memmelsdorf beabsichtigte 1853, seinen Wohnsitz nach Gunzenhausen zu verlegen. In seinem Gesuch an den Stadtmagistrat vom 4. Januar begründete er diese Absicht u.a. damit „ (…) meinen Wohnsitz in der Stadt Gunzenhausen zu nehmen, allwo für meine Kinder die erwünschten Bildungsschulen vorhanden sind (…) Ich wähle auch insbesondere die Stadt wegen ihrer vorteilhaften Lage zum Einkauf des Hopfens, wozu die dortige Umgebung und Gelegenheit bietet und wegen ihrer Lage an der Eisenbahn, wodurch mir die Beförderung meines Hopfens sehr erleichtert (…)“.

Bing, zu diesem Zeitpunkt in zweiter Ehe verheiratet und Vater von fünf Kindern, gab sein Vermögen mit 18.000 Gulden an. Die Zustimmung des Magistrats zu seiner Aufnahme und sowie das Bürgerrecht erhielt er wenig später.

Berühmtestes Mitglied der Familie Bing ist der aus erster Ehe stammende Sohn Ignaz (geboren 1840 in Memmelsdorf). Zusammen mit Bruder Adolf führte er ab 1863 einen Kurz- und Manufakturwarengroßhandel in Gunzenhausen.

Zeitgleich beantragte er die Mitgliedschaft im örtlichen Gesangverein Liederkranz, welche die Vorstandschaft ohne Einwände beschloss. Ignaz Bing, der gerne dichtete, schrieb für den Verein einen preisgekrönten Sängergruß.

Ohne Erfolg blieben allerdings seine Bemühungen um Aufnahme in die elitäre Casinogesellschaft Gunzenhausen zwei Jahre später, die mit dem Vermerk „weil Jude“ abgelehnt wurde. Ignaz Bing vermutete, dass diese Entscheidung auf Betreiben des hiesigen einflussreichen Landrichters Hermann Richter zu Stande kam und veröffentlichte deshalb im ‚Gunzenhauser Anzeigeblatt‘ einige Spottgedichte mit dem Titel „Neue Sprüche des Demokritos“, u.a. dieses:


„Wohl tut gut, der suchet zu verkaufen,

was ihm nicht frommt, was er nicht fassen kann.

Wollt Ihr erwerben Jean Paul’s Meisterwerke, fürwahr,

ich weiss Euch wohl den rechten Mann.

Bei dem könnt Ihr sie neu und äußerst billig haben,

was will, der selbst nichts denkt, mit eines Dichters Gaben?“


Damit bezog sich Bing unmittelbar auf die Tatsache, dass Landrichter Richter als Enkel des bekannten Schriftstellers Jean Paul wiederholt mit Zeitungsinseraten Bücher aus dessen Nachlass zu veräußern suchte.

Ob die Ablehnung durch die Casinogesellschaft oder bessere berufliche Aussichten ausschlaggebend waren, ist unbekannt, jedenfalls gingen Ignaz und Adolf Bing 1865 nach Nürnberg.

Dort eröffneten sie zunächst einen Laden für Kurzwaren, später ergänzt durch Metall- und Galanteriewaren. Mit Entstehung des Deutschen Kaiserreiches 1871 erweiterten die Brüder kontinuierlich ihr Produktangebot an Metallwaren. Ihr Absatzmarkt dehnte sich auf ganz Deutschland, Europa und bis nach Amerika und Südafrika aus. Anfang der 1880er Jahre errichteten die Bings die Nürnberger Metallwarenfabrik in der 220 Arbeiter unterschiedlichste Haushaltsartikel bzw. Blechspielwaren produzierten. Dieser ersten Fabrikhalle folgten noch weitere Produktionsstätten und ab 1883 lag die Geschäftsleitung ausschließlich bei Ignaz Bing, der 1895 tausend Arbeiter beschäftigte und wegen seiner Verdienste mit den Titeln „Königl. Kommerzienrat“ bzw. „Geheimer Kommerzienrat“ geehrt wurde.



Eine intensive Beziehung pflegte Ignaz Bing zur Gemeinde Streitberg in der Fränkischen Schweiz, wo er ein Haus besaß und sich häufig zur Erholung aufhielt. Vielfach unterstützte er den Ort, so stiftete er u.a. einen Brunnen, die Volksschulbücherei bzw. den Prinz-Rupprecht-Aussichtspavillon und forcierte die lokale Elektrifizierung. Aus Dankbarkeit verlieht ihm die Gemeinde 1903 die Ehrenbürgerwürde. Wenige Jahre darauf gelang ihm die Entdeckung der nach ihm benannten ‚Bing-Höhle‘, welche er planmäßig erschließen ließ, sodass sie sich mit ihren „Tropfsteinen von märchenhafter Schönheit“ innerhalb kurzer Zeit zu einem touristischen Highlight der Fränkischen Schweiz entwickelte.

 


Die ehemalige Maschinenfabrik Emil Bing wurde in den 1930er Jahren als Reichsarbeitsdienstlager genutzt.

Bis zu seinem Tode 1918 in Nürnberg stand Ignaz Bing, übrigens verheiratet mit einer Tochter des jüdischen Volksschullehrers aus Gunzenhausen, im engen Kontakt mit dem hiesigen Familienzweig, in erster Linie mit seinem jüngeren Bruder Berthold. Dieser war nach zeitweisem Aufenthalt und Ausbildung in den USA als erfolgreicher Geschäftsmann in der Altmühlstadt tätig, handelte mit Hopfen, Käse, Spezereien oder Versicherungen und betrieb eine Gastwirtschaft. Außerdem unterhielt er eine Verkaufsagentur für „Original amerikanische Nähmaschinen der Firma Singer“ bzw. der „Amerikanischen selbstmessenden Petroleum-Ölkanne The Queen“. Auch Berthold Bing war literarisch begabt und beteiligte sich als Mitglied der Gesangsvereine Liederkranz und Sängerbund mehrfach mit eigenen Beiträgen.

 

Ein weiteres Familienmitglied, der Ingenieur und Fabrikant Emil Bing, erwarb 1901 die Hagenah’sche Maschinenfabrik mit Schneidsäge und Lohmühle in der Hensoltstraße, die schon wenige Monate später einem verheerenden Brandunglück zum Opfer fiel. Er ließ sich dadurch in seinem unternehmerischen Ehrgeiz nicht ausbremsen und erwarb Grundstücke an der Nürnberger Straße, wo in der Folgezeit die Maschinenfabrik Bing entstand. Dort wurden u.a. landwirtschaftliche Maschinen, Molkerei- oder Brauereianlagen produziert. Die Erzeugnisse genossen einen ausgezeichneten Ruf, sodass 1907 eine Dreschmaschine sogar an die bolivianische Stadt Cochahamba ausgeliefert wurde. Mit dem Verkauf der Fabrik mitten im Ersten Weltkrieg endet auch die Geschichte der Unternehmerfamilie Bing in Gunzenhausen.

Werner Mühlhäußer

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